Aktivierung & Empowerment


Aufgabe des Berliner Quartiersverfahrens ist es, in den durch Fortzug und wirtschaftlichen Strukturwandel in ihrem sozialen Gefüge geschwächten Kiezen ein neues nachbarschaftliches Miteinander zu organisieren. Ein Wir-Gefühl, aus dem eine möglichst breite Eigenverantwortung für die Entwicklung des Quartiers erwächst und das in einem neuen stabilen Gemeinwesen mündet. Die Befähigung der Bürger zur eigenverantwortlichen Gestaltung der Kieze - Empowerment - ist die Meßlatte des Verfahrens schlechthin.
Quartiersfonds und Bürgerjurys
Bürgerinnen und Bürger sind in der Lage und kompetent, Probleme einer Nachbarschaft gemeinsam zu benennen und ihre Lösung bei verantwortungsbewussten Ressourceneinsatz anzugehen. Dazu wurden vielerorts Beiräte / Jurys gebildet, die über den Einsatz der öffentlichen Mittel mit entscheiden. Diese Beiräte / Jurys setzen sich in der Mehrheit aus einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern zusammen und werden durch Träger und Initiativen, die in den Quartieren tätig sind, ergänzt sowie von den beauftragten Quartiersteams begleitet. Mit den Fonds können von den Bewohnerinnen und Bewohnern befürwortete Projekte unterstützt werden.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Quartiersfonds ein Schlüssel für die dauerhafte Mobilisierung im Stadtteil ist. Es haben sich Bürgerbeiräte mit differenzierten Anliegen gebildet, die von eigenen Planungsvorstellungen bis zum Wunsch, über alle Mittel mitzuentscheiden, reichten.
Quartiersräte
Das Modell Quartiersfondsjury wurde mittlerweile auf die Gesamtmittel der Quartiere im Rahmen der Entscheidungen der Quartiersräte übertragen. Seit der strategischen Neuausrichtung des Programms "Soziale Stadt" im Jahre 2005 ist von Anfang an von den beauftragten Teams auf die Bildung von Quartiers(bei)räten hingearbeitet worden, so dass es sie fast überall bereits gibt oder die letzten Vorbereitungen laufen. Dies ist Bestandteil der Neuausrichtung und stellt gleichzeitig auch eine neue Qualität der Verfahren dar.
Zusammensetzung der Beiräte
Die durchschnittliche Größe liegt zwischen 15 und 30 Personen. Die Beiräte in den 2005 neu festgelegte Gebieten sind geschlechterparitätisch besetzt (und in der Regel nicht männlich dominiert). In den Gebieten, die 1999/2001 festgelegt wurden, haben Frauen offensichtlich einen längeren Atem und ein stärkeres Interesse mitzuarbeiten. Migrantinnen und Migranten sind beteiligt, aber gemessen am Bevölkerungsanteil sind sie unterrepräsentiert. Eine Einzelansprache ist notwendig.
(Die Bezeichnung der Beteiligungsgremien ist nicht einheitlich. Daher geht es um Quartiersbeiräte, Quartiersräte, Bewohnerjury, Projektjury oder Projektfondsjury - je nach Selbstverständnis und Aufgaben.)
Beteiligung an Planungsverfahren
Seit dem Programmstart wurden unterschiedliche Planungsverfahren mit Bürgerinnen und Bürgern durchgeführt: Unter Anleitung eines Moderationsteams und mit fachlichem Input widmen sie sich den Problemen und den Potenzialen ihres Wohngebietes. In so genannten Bürgergutachten werden die Ergebnisse mit den Handlungsschwerpunkten für die Quartiersentwicklung der nächsten Jahre aus Sicht der Bewohner zusammengefasst und an Politik und Verwaltung gerichtet. Die Quartiersmanagement-Teams nehmen die Ergebnisse als wesentliche Arbeitsgrundlage in ein Handlungskonzept für das jeweilige Quartiersmanagementgebiet auf.
Befähigung und Einbeziehung von Migranten und Migrantinnen
Zur Mitgestaltung eines lokalen Gemeinwesens werden insbesondere Migrantinnen und Migranten befähigt und ihre im Gebiet tätigen Organisationen einbezogen. Starke Partner, u.a. die gebietsorientierten Wohnungsbaugesellschaften, vorhandene Stadtteil- und Nachbarschaftszentren, Schulen und ortsansässige Unternehmen, werden in den Quartiersentwicklungsprozess zur Sicherung einer nachhaltigen Quartiersentwicklung eingebunden.
Die strategische Neuausrichtung brachte eine intensive Berücksichtigung der interkulturellen Kompetenz in den Teams und in den Räten, um die lebensweltliche Wirklichkeit der unterschiedlichen sozialen und ethnischen Gruppen in das Verfahren mit aufzunehmen.
Vereinsinteressen / Einzelinteressen
Engagementpotenzial ist dort verstärkt spürbar, wo Interessen eines Vereins oder einer Gruppe o.ä. vertreten werden. Das ist das traditionelle Mitwirkungsmodell. Es rangiert vor Engagement aus Einzelinteresse. Der Versuch, über die statistische Zufallsziehung neue Interessierte zu gewinnen, haben einige Quartiere genutzt. Ausgewogenheit ist jedoch schwer zu erreichen.
Text: D. Buchholz / bearb. J. Meier





