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Evaluation des Projektes "Neuköllner Stadtteilmütter"


Evaluation des Pilotprojektes "Stadtteilmütter in den Quartiersmanagement-Gebieten Neuköllns"

Empfehlungen für die Fortführung des Projektes

Im Folgenden werden aus den dargelegten Evaluationsergebnissen Empfehlungen für die Fortsetzung des Projektes formuliert unter Berücksichtigung der Beurteilungskriterien, die für präventive Elternbildungsprojekte gelten bzw. als wichtig eingeschätzt werden. 

Niedrigschwelligkeit

Bei der Frage nach einem besonders erleichterten Zugang von sozial benachteiligten Eltern migrantischer Herkunft zu familien- und erziehungsunterstützenden Hilfen haben sich nachstehende Kriterien für die Ausgestaltung des Stadtteilmütterangebotes als besonders geeignet erwiesen:

- Multiplikatorinnen aus den Zielgruppen
Die Arbeit mit Multiplikatorinnen, die selbst aus dem soziokulturellen Umfeld der Zielgruppe kommen, die gleiche Muttersprache sprechen und die Schwierigkeiten der Integration selbst kennen gelernt haben, hat sich als besonders niedrigschwellig und darum wirkungsvoll erwiesen. Deshalb werden hier die Fortführung der Arbeit der bislang ausgebildeten Stadtteilmütter und die fortlaufende Ausbildung von neuen Stadtteilmüttern empfohlen. Bei der Akquise neuer Frauen wird für sinnvoll erachtet, Mütter auszuwählen, die selbst am Hausbesuchsangebot teilgenommen haben und/oder über gut funktionierende Netzwerkstrukturen, insbesondere über gute Kontakte zu Moscheevereinen   verfügen.

- Ansprechbarkeit über Mütter
Ferner konnte das Projekt einen erleichterten Zugang zu den Familien über die angesprochenen Mütter erreichen. Vor diesem Hintergrund wird die Beibehaltung des mütterspezifischen Projektzugangs vorgeschlagen, jedoch eine partielle Einbindung der Väter für sinnvoll erachtet. Letzteres könnte über einzelne Veranstaltungsangebote für beide Elternteile bzw. speziell für Väter erfolgen, beispielsweise in Kooperation mit Väterbegleitungsprojekten

- Freiwilligkeit des Angebotes
Das Unterstützungsangebot der Stadtteilmütterarbeit zielte auf die Eigenverantwortlichkeit der Eltern ab und zeichnete sich durch die Freiwilligkeit des Angebotes aus. Dieser niedrigschwellige Ansatz sollte auch in Zukunft beibehalten werden, um den Zugang zu sozial benachteiligten migrantischen Familien zu erleichtern.

-Hausbesuche (Bring-Strukturen)
Die aufsuchende Form durch Hausbesuche und die vertrauensvolle Beziehung zur Hausbesucherin haben sich als besonders niedrigschwellig ausgezeichnet. Daher wird eine Fortsetzung der aufsuchenden Hausbesuchstätigkeit empfohlen, jedoch unter geänderten, flexibleren Bedingungen. Dazu gehören beispielsweise die Möglichkeit zur Ausweitung der Hausbesuche bei besonders beratungsbedürftigen Familien, die Gelegenheit zur freieren Gestaltung der Zeitabstände der Hausbesuche sowie die Sicherstellung einer örtlichen Flexibilität des Unterstützungsangebotes für Frauen, die nicht zu Hause aufgesucht werden können. Letzteres kann durch eigene Räumlichkeiten im Bezirksamt oder in Kooperationseinrichtungen gewährleistet werden. Daneben wird eine Kombination von Bring- und Komm-Strukturen für sinnvoll erachtet, um den primär auf persönliche Ansprache basierenden Zugang des Projektes zu den Zielgruppen weiter auszubauen.

- Institutionelle Anbindung (Komm-Strukturen)
Um neue Familien für das Präventionsangebot zu gewinnen, wird eine stärkere Wirksamkeit der Stadtteilmütter in KiTas und Grundschulen empfohlen. Dabei werden der Aufbau verbindlicher Strukturen, die stundenweise Präsenz vor Ort, die gezielte Einbeziehung von Erzieherinnen sowie die regelmäßige Teilnahme der Stadtteilmütter an laufenden Angeboten und Projekten in den Einrichtungen für sinnvoll erachtet (z.B. an Elternabenden, Entwicklungsgesprächen, Elterncafés). Darüber hinaus kann die institutionelle Anbindung der Stadtteilmütter als eine feste Anlaufstelle für bereits besuchte Familien fungieren, die einen weiteren Unterstützungsbedarf aufzeigen (z.B. Nachbearbeitung der behandelten Themen in den Hausbesuchen, Erhalt aktueller Informationen, Hilfestellung beim Ausfüllen von Formularen).

- Zweisprachige Informations- und Kommunikationsform
Der Einsatz bilingualer Informationsmaterialien in den Hausbesuchen hat sich als positiv bewährt. Deshalb wird sich für eine Fortsetzung der zweisprachigen Informations- und Kommunikationsform des Projektes ausgesprochen. In diesem Zusammenhang werden eine regelmäßige Sichtung und Aktualisierung der Materialien sowie ein stärkerer Zuschnitt der Materialien auf die individuellen Ausgangs- und Lebenslagen der Familien als wichtig erachtet (z.B. im Hinblick auf das Alter der Kinder, den Einreisezeitpunkt der Mütter, den Aufenthaltsstatus der Familienmitglieder). Ferner sollte zukünftig geprüft werden, ob die Unterstützungsleistung des Stadtteilmütter-Projektes auch durch die Nutzung moderner Medien zur Verfügung gestellt werden kann. Voraussetzung dieser schriftlichen und internetbasierten Angebote ist jedoch, dass die Zielgruppen mit den jeweiligen Informations- und Kommunikationsformen erreicht werden können.

- Offene Angebote (Gelegenheitsstrukturen)
Um eine intensivere Bindung der bereits besuchten Familienmütter zu ermöglichen, wird die Kooperation von Stadtteilmüttern mit Einrichtungen in den QMs empfohlen, die offene Angebote zu Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitsthemen anbieten. Dabei zeigen die Erfahrungen, dass Hemmschwellen abgebaut und damit die Angebote für Familien leichter zugänglich sind, wenn eine Vielzahl an Angeboten unter einem Dach unverbindlich wahrgenommen werden kann. Vor diesem Hintergrund eignen sich für eine Zusammenarbeit beispielsweise Familientreffpunkte wie der Verein Esmeralda im QM-Schillerpromenade , der einen Café- und Veranstaltungsbetrieb anbietet, sowie Familienzentren, die weitergehende Kooperationen mit Sportvereinen, Kultureinrichtungen und der vor Ort ansässigen Wirtschaft eröffnen können. Insgesamt wird angeregt, themenorientierte Veranstaltungen und Projekte, Ausflüge und Stadterkundungen anzubieten, die erfahrungsgemäß gut von Familien angenommen werden.

Spezielles Konzept für Problem-Zielgruppen

Die Forderung nach einem Angebot speziell für die jeweilige Zielgruppe ist eine Voraussetzung für bedarfsgerechtes und alltagsnahes Arbeiten. Vor diesem Hintergrund müssen die Zielgruppe und ihr Bedarf möglichst genau definiert werden.

- Fokussierung auf bestimmte Zielgruppen
Der bisherige Fokus auf bestimmte Zielgruppen – nämlich türkische, arabische und verstärkt auch kurdische sozial benachteiligte Familien mit Kindern im Vorschulalter –, sollte beibehalten werden. Sinnvoll erscheint darüber hinaus eine Ausweitung der Zielgruppe auf Familien mit Kindern im Grundschulalter.

- Erweiterung des Zielgebietes
Um die gesamtstädtischen Bezüge im Rahmen einer sozialräumlich orientierten Projektarbeit und die vorhandene Bedarfslage in Neukölln besser berücksichtigen zu können, wird die Erweiterung des bisherigen Zielgebietes (die neun QM-Gebiete) auf gesamt Nord-Neukölln und den Britzer Norden gemäß dem Häußermann-Gutachten  vorgeschlagen.

- Kontinuierliche Zielgruppendefinition und -analyse
Die Evaluation hat deutlich gemacht, dass eine grundsätzliche Verständigung der Kooperationspartnerinnen über ein eher „enges“ oder „weites“ Zielgruppenverständnis wichtig ist. Hierzu gehört auch die kontinuierliche Überprüfung, ob weitere Problem-Zielgruppen mit dem Angebot erreicht werden sollen,  z.B. Roma-Familien oder deutsche Familien.  Um hier angemessen entscheiden zu können, ist eine Verbesserung der Informationsgrundlagen über die zu erreichenden Zielgruppen notwendig, z.B. durch die Durchführung einer Zielgruppenanalyse für den Bezirk Neukölln anhand relevanter Bildungsdaten von migrantischen Kindern im (Vor-)Schulalter.

-  Neue Konzepte und Werbestrategien für spezielle Zielgruppen
Weiterhin gilt es, verstärkt nach neuen Konzepten und Werbestrategien zu suchen bzw. solche zu entwickeln, um zukünftig vermehrt isoliert lebende Familien zu erreichen, deren Kinder den vorschulischen Bildungseinrichtungen fernbleiben. Hierbei kann die gezielte Kooperation mit Moscheevereinen und Grundschulen, bei Bedarf auch mit Hebammen, Kinderarztpraxen, Verbänden und Medien der Migrantencommunities ein wichtiger Baustein sein. Für diese neuen Konzepte des Zugangs bedarf es einer Zusatzqualifizierung der Stadtteilmütter.

Vorbereitung auf die Zielgruppen

Eine weitere Voraussetzung für bedarfsgerechtes Arbeiten besteht in der  Vermittlung von ausreichenden Kenntnissen über die Zielgruppe.

- Qualifizierung von Stadtteilmüttern zu Themen der Erziehung, Bildung und Gesundheit von Kindern
Das bisherige Themenspektrum hat sich als sinnvoll erwiesen und sollte beibehalten werden. Wie empfehlen jedoch eine stärkere Verankerung von Menschenrechts- und demokratischer Wertebildung in den zehn Themen (z.B. Religionsfreiheit, freie Partnerwahl, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, körperliche Unversehrtheit). Deutsch sollte weiterhin als primäre Sprache in den Qualifizierungskursen und Teamtreffen genutzt werden. Die Verknüpfung von Theorie und Praxis in den Schulungen (Referate, Hospitationen, Rollenspiele) sollte fortgeführt werden. Darüber hinaus empfehlen wir die Einführung einer an der Schulung anschließenden Praxisphase (Tandem-Besuche ).

- Weiterqualifizierung der Stadtteilmütter zu bestimmten Themen
Es gilt, die Stadtteilmütter zu bestimmten Themenkomplexen, die für die Hausbesuche von Bedeutung sind, nachzuqualifizieren. Das gilt z.B. für Grundschulthemen – insbesondere bei einer Ausweitung der Zielgruppe auf Familien mit Kindern im Grundschulalter – oder für die Themen „Gewalt in der Familie“  sowie „Primäre Prävention und Intervention“. Eine fortlaufende Qualifizierung der Stadtteilmütter zu aktuellen Themen, die begleitend zur Stadtteilmütterarbeit erfolgt, stellt einen wichtiger Faktor zur Qualitätssicherung dar.

- Sozialpädagogische Begleitung der Stadtteilmütter 
Die Evaluation hat gezeigt, dass die Stadtteilmütter kontinuierlich Hilfe und Unterstützung im Umgang mit Problem-Familien und in der Netzwerkarbeit benötigen, z.B. durch Teamtreffen und/oder Supervision. Hier sind die Projekt-Koordinatorinnen gefordert.

Primärpräventiver Ansatz

Die Einordnung des Stadtteilmütter-Projektes in die Primärprävention hat sich als sinnvoll erwiesen.

- Fokus auf frühe Bildungsförderung
Wir empfehlen die Beibehaltung des Fokus auf der frühen Bildungsförderung, d.h., dass die Zielgruppen bereits zu einem Zeitpunkt angesprochen werden, an dem die Kinder noch nicht gefährdet sind bzw. noch keine Auffälligkeiten zeigen. Hierzu gehört auch die Stärkung von Erziehungskompetenzen bei Risikofamilien.

- Kooperation mit Fachleuten bei Interventionsbedarf
Es gilt, verstärkt Kooperationsstrukturen zwischen Stadtteilmüttern und Fachleuten aufzubauen, um Familien bei erhöhtem Hilfe- und Interventionsbedarf an kompetente Einrichtungen weiterleiten zu können. Dies umfasst beispielsweise die Benennung von festen Ansprechpersonen aus dem Hilfsnetzwerk wie dem Jugendamt, der Polizei etc.

Ressourcenorientiertes Arbeiten

Empowerment und enge Anbindung an vorhandene Strukturen sind wichtige Aspekte, um die Ressourcen der Projektbeteiligten zu nutzen und auszubauen.

- Stärkung des Empowerment-Ansatzes des Projektes
Sinnvoll erscheint die Aufhebung der QM-Grenzen und somit die Auflösung des Gemeindeschwesternprinzips zugunsten einer systematischen Nutzung der sozialen Netzwerkressourcen der Stadtteilmütter, d.h. gezielte Einsätze von Stadtteilmüttern in Kontexten, in denen sie bekannt und engagiert sind, z.B. Moscheevereine sowie KiTas und Grundschulen, die von den eigenen Kindern besucht werden. Weiterhin gilt es, die Stadtteilmütter bei der Weiterentwicklung des Präventionsangebotes kontinuierlich zu beteiligen.

- Einbindung der Stadtteilmütter in QM-Strukturen
Eine engere Beteiligung der Stadtteilmütter an QM-Beteiligungsverfahren (Beirat, Jury, Stadtteilversammlung) und die Kooperation mit laufenden und geplanten Projekten in den QMs könnte das Projekt stärker vor Ort verankern.

Projekt-Steuerung

- Überprüfung der Förderrichtlinien und Zielvorgaben
Für die Steuerung der Stadtteilmütter-Einsätze sind eine kontinuierliche Überprüfung der Förderrichtlinien, Zielvorgaben und Kennzahlen sowie die Erarbeitung realistischer Zielvereinbarungen wichtig.

- Vereinbarungen über die Zusammenarbeit im Projekt
Es gilt, konkrete Kooperationsvereinbarungen zwischen dem Projekt- und Beschäftigungsträger, die für den reibungslosen Ablauf der Arbeit der ÖBS-Stadtteilmütter sorgen, zu erarbeiten. Mit den Honorar-Stadtteilmüttern sollten bezüglich der Hausbesuchstätigkeit verbindliche Vereinbarungen festlegt werden.

- Kontinuierliche Evaluation der Hausbesuche
Für sehr wichtig halten wir die Einführung eines Abschlussgespräches, das die Stadtteilmutter mit den besuchten Familien nach Beendigung der Hausbesuchsphase führt, beispielsweise zwei Monate nach Beendigung der Hausbesuche mit Hilfe eines Evaluationsbogens.

- Öffentlichkeitswirksamkeit des Projektes
Für die Öffentlichkeitsarbeit des Projektes, z.B. das Angebot von Beratung für Nachahmer-Modelle in anderen Kommunen und Ländern, müssten mehr Ressourcen eingeplant werden.

- Wichtiges Ziel ist, eine Regelförderung der Stadtteilmütterarbeit zu erreichen.

Schaffung weiterer Rahmenbedingungen für die Projektarbeit

- Es gilt, verstärkt Kooperationen mit Einrichtungen, die kostenlose bzw. kostengünstige Hilfen und Unterstützungsangebote für Familien im Bezirk anbieten (Deutschkurse, Sportvereine und weitere Freizeit- und Bildungsangebote), einzugehen.

- Für wichtig halten wir weiterhin, die Möglichkeiten zu nachbarschaftlichen Kontakten zwischen Frauen deutscher und nicht deutscher Herkunftssprache in den QM-Gebieten zu fördern.

- Die Kommunikation zwischen migrantischen Familien und (vor-)schulischen Bildungseinrichtungen sollte verbessert werden, z.B. durch mehrsprachige Elternabende und Informationsveranstaltungen in KiTas, Interkulturelle Moderation an Schulen , Elternlotsenprojekte an Schulen ) etc.