"Nicht die Zukunft verschlafen!" – der Kongress "10 Jahre Quartiersmanagement in Berlin"


Am 1. Juli 2009 veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einen Kongress "10 Jahre Quartiersmanagement in Berlin". Rund 300 Gäste waren der Einladung gefolgt.
Fazit: Das aus dem Programm "Soziale Stadt" geförderte Quartiersmanagement ist nicht nur sehr erfolgreich und ein Modell für zukünftige Stadtentwicklungsstrategien. Es hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist, den Einsatz von öffentlichen Mitteln in den benachteiligten Kiezen zu bündeln. Gesellschaftliche Trends, wie z.B. der demografische Wandel, soziale Ungleichheit, Segregation und die Krise des Wohlfahrtsstaates machen ein dauerhaftes Engagement nötig. Vorrangig sind dabei Schule, Bildung und bessere Berufschancen Schlüssel zu sozialer und ethnischer Integration.
Was ist eine soziale Stadt
Nach der Begrüßung der Teilnehmer erklärte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer die Kernaufgabe des Quartiersmanagements (QM): "Wenn die Bürger die Stadt als die ihre begreifen, Einfluss nehmen, streiten, Nachbarschaft leben, dann ist das soziale Stadt". Sie warnte zugleich: "Eine Stadt, die nicht soziale Stadt ist, verliert. Sie verschläft ihre eigene Zukunft, wenn nicht etwas gegen soziale Ungleichheit und Segregation getan wird."
Als man vor zehn Jahren in Berlin in den ersten 15 Gebieten mit Quartiersmanagement anfing, wurden hauptsächlich bauliche, investive Maßnahmen umgesetzt. Durch den Einsatz von EU-Fördermitteln aus dem EFRE-Fonds wurde Berlin dabei noch stärker in europäische Strukturen eingebunden. Mit dem neuen Instrument QM mussten auch neuartige Strukturen geschaffen werden. Neu war z.B. die ressortübergreifende Zusammenarbeit der Fachämter, mit den Akteuren und der Bewohnerschaft im Mittelpunkt.
Monitoring, Bürgerbeteiligung und Dankesworte




Begleitet durch ein wissenschaftliches Monitoring stellte die Senatsverwaltung nach den ersten Jahren fest, dass das Programm auf mehr Gebiete auszuweiten sei. Dabei wurde stärker auf Maßnahmen der Bildung und Integration gesetzt. In mittlerweile 35 Berliner Gebieten hat das nun Priorität.
Ein weiterer wichtiger Schritt war, die Bürgerinnen und Bürger noch stärker in das Quartiersmanagementverfahren einzubeziehen. In allen Gebieten der "Sozialen Stadt" entscheiden seit 2005 Quartiersräte mit über die Vergabe der Fördergelder. Dass immer mehr Bürger ehrenamtlich Verantwortung für öffentliche Mittel übernehmen, bezeichnete Frau Junge-Reyer als einen großen Erfolg und dankte den anwesenden Quartiersräten für ihr Engagement.
Auch den Quartiersmanagerinnen und Quartiersmanagern dankte sie für ihren Einsatz und ihre hohe Professionalität. Sie hätten im Alltag viele Anforderungen zu bewältigen, von der Koordination der Akteure im Stadtteil, der Planung und Verwaltung der Mittel über Öffentlichkeitsarbeit und Bürgersprechstunden bis zur Teilnahme an Stadtteilfesten. Das gehe nur mit viel Kompetenz und einem hohen persönlichen Einsatz.
Ein weiterer Dank ging an die Beteiligten aus der Berliner Verwaltung, die das stets noch "lernende" Programm "Soziale Stadt" in den verschiedenen Ressorts und ämterübergreifenden Runden umsetzen und dabei auch neue Wege gehen.
Leuchttürme und Zukunft




Prof. Dr. Klaus J. Beckmann, Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik (DIFU) beschrieb zunächst die Merkmale von Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf: Bauliche und Wohnumfeldmängel, Armut, mangelnde Bildung, Segregation und deren Folgeerscheinungen wie beispielsweise nachbarschaftliche Spannungen, Drogenmissbrauch und Vandalismus.
Seit 1999 allmählich gewachsen, hat das Programm 2008 deutschlandweit schon 532 Gebiete in 326 Städten und Gemeinden mit 110 Mio. € gefördert, so Beckmann. Die vorerst letzte vom DIFU erhobene Befragung 2006 in den QM-Gebieten habe ein differenziertes Bild gezeigt: Gab es z.B. noch Defizite bei der Kooperation der verschiedenen Verwaltungen und der Stärkung der lokalen Ökonomie, konnte insgesamt die Abwärtsspirale in den Gebieten gestoppt werden. Nach Einschätzung der Befragten hat sich das Lebensgefühl dort verbessert. Nicht zu vergessen seien auch die Stärken dieser Quartiere als Orte der Integration und kreativer Experimente. Beckmann hob auch die Bedeutung von Modellprojekten hervor: Als erfolgreiche Berliner Leuchtturm-Projekte nannte er im Bereich Integration die Neuköllner "Stadtteilmütter" und das Lotsenprojekt "Die Brücke" sowie im Bereich Lokale Ökonomie die "Stadtteilgenossenschaft Wedding" Im Handlungsfeld Bildung hob er die Projekte "Partnerschaft Schule und Betrieb und die Neuköllner "Waldpatenschaft" hervor.
Für die Zukunft sagte der DIFU-Leiter klar: "Es geht nicht ohne öffentliches Geld." Nötig sei eine Verstetigung der Strukturen, mehr Zusammenarbeit der Ämter, die bessere Einbeziehung von Zuwanderern und Gewerbetreibenden und mehr Anstrengungen bei Bildung, Arbeit und lokaler Ökonomie.
Lobby, Wahlkampf und Konjunkturpaket




Staatssekretär Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung erklärte, das "Programm Soziale Stadt" sei derzeit das wichtigste Städtebauförderungsprogramm, und es habe seit 1999 865 Mio € für die Quartiere bereitgestellt. Eine derart breite und wirksame Förderung sei auch in Zukunft wichtig, denn soziale Ungleichheiten würden zunehmen.
Angesichts kommender Verteilungskämpfe um knappere öffentliche Gelder appellierte er an die Anwesenden, eine Lobby für das Quartiersmanagement zu organisieren. Daldrup zur Frage, wie der Wahlkampf sich auswirken könnte: "In den großen Parteien ist das Quartiersmanagement unumstritten." Problematischer seien allgemein drohende Sparmaßnahmen infolge der Finanzkrise.
Anhand des Konjunkturprogramms II der Bundesregierung erklärte er die Tücken des föderalen Systems und die Schwierigkeiten, passende Förderinstrumente zu entwickeln. Da Schulen Ländersache sind, durften die 10 Milliarden € zunächst nur für die energetische Sanierung der Schulgebäude eingesetzt werden. Dank eines nachträglichen Notparagrafen kommen die Mittel jetzt der allgemeinen baulichen Sanierung der Schulen zugute.
Wo bleibt das Geld?




Der aus dem Publikum geäußerten Sorge, die meisten Fördergelder blieben bei der Administration der Quartiersmanagements hängen, kam Referatsleiter Philipp Mühlberg entgegen: Den rund 15,4 Mio. € Fördermitteln, die direkt den Projekten zugeflossen seien, ständen nur rund 6 Mio € für den Betrieb der mittlerweile 35 QM-Büros gegenüber.
Eierlegende Wollmilchsäue und Qualitätssprünge




Anschließend berichtete Dr. Matthias Sauter vom Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) der Universität Duisburg-Essen aus dem nordrhein-westfälischen Quartiersmanagement. Benachteiligte Bevölkerungsgruppen würden noch nicht genügend erreicht und es könne wenig gegen die negative wirtschaftliche Entwicklung getan werden. Die Quartiersmanager fühlten sich oft als "eierlegende Wollmilchsäue", auf denen der Erwartungsdruck von allen Seiten laste. Positiv fielen dagegen die städtebauliche Aufwertung der Quartiere, die verbesserte soziale und kulturelle Infrastruktur und die Bürgerbeteiligung ins Gewicht. Es sei wichtig, die lokalen Potenziale und Akteure wertzuschätzen. "Es gibt in Berlin einen ungeheuren Schatz, wo Innovatives passiert."
Sauter forderte einen Qualitätssprung weg von einem Sonderprogramm zur ressortübergreifenden Daueraufgabe der Städte und Gemeinden. Die Verwaltung stehe vor der Aufgabe, neue intelligente und ressortübergreifende Arbeitsformen zu entwickeln und sich interkulturell zu öffnen. Und schließlich ginge es auch um die Stärkung der lokalen Zivilgesellschaft und Demokratie.
Podiumsdiskussion




In der anschließenden Podiumsdiskussion berichtete Hella Dunger-Löper, Staatssekretärin für Bauen und Wohnen, dass das Instrument QM bei den Bezirksbürgermeistern mittlerweile sehr geschätzt würde. Gemeinsam mit Claudia Zinke, der Staatssekretärin für Bildung, will sie die Schulen stärken, um lebendige Quartiere zu erhalten. Schulischer Erfolg, Bildung und bessere Berufschancen seien Schlüssel zu sozialer und ethnischer Integration.
Claudia Zinke und Ilse Wolter, Quartiersmanagerin im Reuterkiez, berichteten von erfolgreichen Schul-Projekten, die verstetigt werden konnten. Dr. Kurt Anschütz von der Bürgerstiftung Neukölln stellte Bürgerstiftungen als ein Signal der Hoffnung dar: "Wer stiftet, desertiert nicht."
Empfang und Rapsongs




Abends waren die Teilnehmer zum Empfang im Abgeordnetenhaus eingeladen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit bedankte sich bei allen Akteuren und betonte das Engagement des Senats: "Wir wollen kein Quartier aufgeben, sondern sie fit machen für die Zukunft." Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer bekannte gegenüber den Quartiersräten: "Wir haben uns getraut, Ihnen viel Geld anzuvertrauen und sind außerordentlich froh darüber."
Unter den vielen eingeladenen Gästen aus Verwaltung, QM, Quartiersräten und Projekten war auch Monica Schümer-Strucksberg, ehemalige Referatsleiterin für die "Soziale Stadt". Auf die Frage, ob sie vor zehn Jahren gedacht hätte, dass das Programm so erfolgreich würde, antwortete sie: "Ja - denn ich bin Optimistin! Ich wusste, dass die QM-Teams es gemeinsam mit den Menschen in den Quartieren bewerkstelligen können."
Musikalisch erfreuten die Schilleria-Girls aus Neukölln, die "neuen jungen Wilden" sowie die Rapperinnen "Böse Mädchen", ein mit dem Integrationspreis der Bundesregierung ausgezeichnetes Jugendprojekt, das Publikum, u.a. mit Rio-Reiser-Songs.
Weiterführende Links
Die Brücke - Integrationslotsen
Stadtteilgenossenschaft Wedding
Neuköllner "Waldpatenschaft"
sozialestadt.de
















